3. Februar 2013

Tatort: Die schöne Mona ist tot (Konstanz)



Der Tatort aus Konstanz kann für einmal richtig schön jubeln! Nicht etwa weil diese Folge eine gute sein wird, sondern vielmehr wegen der Programmierung der ARD. Wer nämlich eine Woche nach dem neuen Tatort aus Saarbrücken senden darf, der kann eigentlich bringen was er will, gewinnen wird er sowieso. Denn im Vergleich zu der saarländischen Jahrhundert-Katastrophe vom letzten Sonntag, wird auch die hinterletzte Konstanz-Kiste wie ein monumentales Meisterwerk wirken.
Vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass ich kein allzu grosser Freund der seichten Bodensee-Unterhaltung bin und über mehr als die konstante Konstanzer-Langweile gäbe es auch bei dieser Folge nicht zu berichten. Aus diesem Grund verschone ich euch für einmal mit meinem negativ angehauchten Sekten-Geschwafel, möchte dafür aber ein Interview abdrucken, welches ich netterweise mit einem der Produzenten des Konstanzer Tatorts führen durfte.

Lieber Herr Produzent. Sie sind ja quasi für das Gesamtprodukt verantwortlich. Was ist Ihnen eigentlich wichtiger, gute Qualität oder viele Zuschauer?
Grundsätzlich will natürlich jeder, der Filme macht, auch gute Filme machen, das ist keine Frage. Aber unter dem Strich entscheiden nicht die Kritiker, sondern die Zuschauer, was gut ist, was Qualität bedeutet. Und wenn ich sehe, dass wir Jahr für Jahr mit unseren Zuschauerzahlen in den Top 4 auftauchen, noch vor München und vor Kiel, dann können wir nicht so falsch liegen. Also Qualität ist wichtig, aber wer entscheidet, was Qualität ist?

Finden Sie selber Ihren Tatort gut?
Das ist eine heikle Frage. Ich persönlich finde ihn unter aller Sau. Aber ich mache ja die Filme nicht für mich, sondern zum einen für das Publikum und zum anderen auch für meine Geldgeber. Mit meinem Geschmack hat das herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil. Je schlechter ich ein Drehbuch jeweils finde, desto mehr Zuschauer hat am Ende der fertige Tatort. Ein absurdes Phänomen, welches lustigerweise immer wieder zu beobachten ist. Nehmen Sie doch einmal Münster als Beispiel. Das ist doch kein guter Tatort mehr, der ist nur noch gaga, und trotzdem hat er jedes Mal die Jahresbest-Quote.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie extra schlechte Tatorte produzieren?
Nein, so ist es natürlich nicht. Sicher nicht absichtlich. Aber was bleibt mir auch anderes übrig, als schlechte Folgen zu machen?

Was soll das denn bedeuten?
Sehen Sie, ich kriege vom SWR zwei Mal im Jahr einen Haufen Kohle, mit dem ich einen guten Film machen sollte. Was natürlich eine absolute Luxussituation wäre, aber suchen sie mir mal einen Drehbuchautor aus der Umgebung Konstanz, der mehr als vier gerade Sätze zu Papier bringen kann. (Fügt an) …die aber auch in einem Zusammenhang noch Sinn machen sollten. Für einen Regisseur muss ich beim freien Kasperle-Theater Mainau anklopfen, weil dort die am besten ausgebildeten Leute der Region zu finden sind. Zudem kriegen wir öfters Geld aus der Schweiz. Wir müssen also auch immer mal wieder irgendeinen völlig unnötigen Strang ins langweilige Nachbarland einbauen, der meistens völlig frei von jeglicher Logik ist. Wie soll ich unter diesen Umständen jemals einen guten Film produzieren können?

Ja aber eben, die Zuschauer sehen das anders. Wie erklären Sie sich denn diesen Erfolg?
Dafür gibt es zwei simple Gründe. Also erstens haben wir zwei gute Hauptdarsteller. Insbesondere die Eva Mattes ist ja deutschlandweit als grosse Theaterschauspielerin bekannt und ist sicher mitverantwortlich für die guten Zahlen. Der zweite Grund, aus meiner Sicht, der Hauptgrund, ist unser See. Der Bodensee! Konstanz ist die einzige deutsche Tatort-Stadt, die an einem See liegt, und wir Deutschen lieben den Bodensee unendlich. Wenn ich ein Drehbuch lese und in diesem mindestens 10 Einstellungen vom See (am liebsten im Nebel)  zu finden sind, dann verfilme ich es. Ohne Wenn und Aber! Und wenn sich die ganze Geschichte gleich selbst um den See dreht, ist ein Volltreffer garantiert.

Welche Rolle spielt denn der Bodensee in Ihrem neuen Tatort?
Keine Ahnung.

Was? Sie wissen nicht, worum es in dem Tatort geht, den sie selber mitproduziert haben?
Ganz ehrlich. Ich habe wirklich keine Ahnung. Die Story wird sicher etwas mit dem See zu tun haben. Vielleicht was auf einem Schiff, Schmuggel in die Schweiz, oder irgendeine Kindes-Entführung in der Katholiken Schule. (Nach kurzer Pause) …am See selbstverständlich.

Nein, das war die letzte Folge. In dieser geht es um die schöne Mona, die stirbt. Angeblich soll es um Lebenslügen, enttäuschte Liebe, Neid und Eifersucht gehen…
(fällt mir ins Wort) … ah ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Bin beim Lesen 2mal eingenickt, ganz ehrlich. Wir mussten danach das Drehbuch komplett umschreiben, weil zu wenig See und dafür viel zu viel Mona drin vorkamen. Die tanzt am Anfang wie ne Gestörte auf dem Tresen und singt Wolfgang Petri, kurze Zeit später wird sie von der Strasse gedrängt und stirbt im Auto. Entschuldigung, aber wie soll ich einen solchen Schrott verkaufen? Also hatte ich die Idee, dass der Mörder die Leiche danach zumindest noch im Bodensee versenken könnte. Genial, oder? Ich sage doch, eine Katastrophe unsere Drehbuchautoren. Wenn einer schon keine vier geraden Sätze zu
Papiere bringen kann, so könnte er doch zumindest in einem 90-minütigen Drehbuch irgendwie den See reinbringen. Oder nicht? Ist das zu viel verlangt, von einem, der dafür auch noch Geld kassiert? Sehen sie, mit solchen Leuten muss ich Filme machen.

Ist es nicht etwas unangebracht, öffentlich so schlecht über Mitarbeiter zu reden?
Also von öffentlich kann ja keine Rede sein. Wegen den 2-3 Lesern, die das auf Ihrer Seite sehen werden. (Lacht laut)
Meine Aussagen über die Mitarbeiter sind ja weder böse noch irgendwie persönlich gemeint, sondern einfach die Realität. Es sind alles ganz liebe Leute, ich mag sie wirklich, aber sie sind keine Regisseure, geschweige denn Autoren. Aber so ist das eben, hier in Süddeutschland. Sind alles ganz ganz nette Nachbarn, aber die Kreativität, die wohnt woanders.

Wollen Sie mir damit also sagen, dass Sie noch nie einen guten Tatort produziert haben, oder noch nie ein gutes Drehbuch in Ihrer Hand hatten?
Doch, hatte ich. Aber das war vor meiner Zeit am Bodensee. Das klingt zwar brutal, aber auch das ist die Realität. Ich werde Ihnen nun ein ganz persönliches Beispiel nennen. Als ich dieses aktuelle Drehbuch gelesen habe, hat mir wie erwähnt der See gefehlt, und ich bin zweimal eingeschlafen. Aber gegen Ende der Geschichte las ich einen Satz, der hat mich so was von umgehauen. Hören sie genau hin (sagt ihn ganz deutlich):

„Da ermittelt man auf Teufel komm raus – und dann kommt der Teufel raus“!

Ich hatte weiche Knie vor lauter Entzückung, ich habe am ganzen Körper gezittert vor Freude. Zum ersten Mal seit ich vor neun Jahren bei diesem Tatort eingestiegen bin, habe ich gefühlt wie es wäre, gute Storys verfilmen zu können.
(Macht eine lange Pause)
Für Konstanz ist das ein Jahrhundertsatz…
(Seine Augen werden feucht)
Er ist die pure Poesie!
(Tränen kullern ihm über die Wangen)
Als hätte Shakespeare persönlich das Drehbuch geküsst!
(Er bricht schluchzend zusammen)

(Ich helfe ihm wieder auf die Beine) Alles ok?
Ja. Schon gut, danke. Es könnte so schön sein. Keine Ahnung wie einem meiner  Dilettanten ein solch unendlich berührender Moment gelungen ist. (Reibt sich nochmals in den immer noch feuchten Augen)Vielleicht ist es ein purer Glückstreffer? Oder auch nicht. Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich hat er diesen Satz irgendwo mal gelesen und einfach geklaut. Keine Ahnung.

Aber nur wegen einem Satz muss man ja kaum einen Tatort sehen, zumal Sie ihn jetzt schon verraten haben. Würden Sie abschliessend meinen Lesern nun diesen Tatort empfehlen oder nicht?
Was soll ich denn da sagen? Ich bin doch der Produzent. Ich würde ihn natürlich empfehlen. Wunderschöne Bilder vom Bodensee, eine gute Hauptdarstellerin und ein Autor, der zum Schluss der Geschichte komplett über sich hinausgewachsen ist…  (fügt an) …auch wenn es nur in einem einzigen Satz war. Was will man mehr? Erwarten sie einfach unter keinen Umständen eine gute Geschichte, oder gar einen guten Film.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.
Gern geschehen. Wirklich interessant. Für mich jedenfalls spannender als die neuen Drehbücher für 2014, die ich auf meinem Tisch liegen habe. (Schüttelt den Kopf und lächelt verschmitzt) Etwas dazu kann ich Ihnen und Ihren Lesern übrigens schon mal verraten - Es wird nicht besser!

Erwartungs-Barometer: 3,5
Die Note danach: 4 

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27. Januar 2013

Tatort: Melinda (Saarbrücken)


Nach gefühlten 100 Jahren der Langeweile, nach dem Stillstand in Reinkultur, hat man in Saarbrücken im Jahre 2006 bemerkt, dass ein an Demenz erkrankter Rentner-Kommissar namens Palu, auf seinem klapprigen Fahrrad in der Zeit nach Christus einfach nicht mehr der Burner ist und hat mit einem gross angelegten Saarland-Relaunch endlich wieder richtig Stimmung machen wollen. Dummerweise hat den Entscheidungsträgern des hochgeschätzten Saarländischen Rundfunks niemand gesagt, dass es nicht reicht, einfach nur den verwirrten Hauptdarsteller zu ersetzen. Nein, es könnte ev. ähnlich wichtig sein auch die grenzdebilen Drehbuchautoren und die nicht minder debilen Regisseure in Pension zu schicken. Und so wartet nun der Tatort aus Saarbrücken, nur 7 Folgen später, bereits wieder mit einem neuen Team auf. Dieses Mal jedoch riecht es nach der kompletten Rundumerneuerung. Das kann dem Tatort nur gut tun, könnte man meinen. Ich jedoch erahne eine weitere Provinz-Katastrophe. Wenn minder qualifizierte Hinterwald-TV-Macher, Grosses kopieren wollen, wenn sie hippe und witzige Geschichten erfinden wollen, kommt selten bis nie was Gscheites dabei raus.
Klar, das ist pure Spekulation. Aber wie immer, wenn ein komplett neues Team startet, muss ich mich etwas mehr informieren, als bei einem durchschnittlichen Barometer-Wochenende. Und so habe ich mich im Vorfeld intensiver mit dieser Folge auseinander gesetzt, als ich das normalerweise tue. Und man findet durchaus Positives:
„Ein hoch motivierter, empathischer, esoterisch angehauchter Träumer als Ermittler, fehlt bis jetzt im deutschen Krimi-TV“.
Was? Waaaaaas? Meine Tatortalarm-Glocken können gar nicht so laut bimmeln, wie sie eigentlich müssten. Vielleicht sollte man sich erst einmal überlegen, warum ein Kommissar dieser Art noch fehlt, bevor man ihn einfach so gebärt. Nach Münster, Wiesbaden und Dortmund, also eine weitere Stadt, die tragischerweise in Richtung Absurdität und Comedy gehen will. Das ist so schade. Natürlich, halb Deutschland wird am Sonntag um 21.45 Uhr auf den Sofas stehend jubilieren, ich wahrscheinlich nicht. Und ich hoffe aus tiefem Herzen, dass ich meine treuen Barometer-Leser mittlerweile soweit sensibilisieren konnte, dass sie nicht auf einen solchen Bullshit reinfallen werden. Der Hauptdarsteller sagt in einem Interview: „Realismus ist nicht unser Anspruch“. Also was will man da noch sagen? Klar soll ein Tatort kein Dok-Film sein. Klar ist kein Tatort wirklich realistisch. Aber Realismus bedeutet eben auch Glaubwürdigkeit. Und wenn es schon gar nicht das Ziel ist, zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit hinzukriegen, dann kann ich wahrhaftig auch 2 Stunden Tom & Jerry gucken. Der Hauptdarsteller (Devid Striesow) ist eigentlich ein toller Schauspieler, aber diese unwirklichen Klischee-Figuren, die zerstören früher oder später die ganze Tatort-Magie. Und wer den Trailer gesehen hat, der weiss, dass mit der Rolle der Staatsanwältin, mal wieder eine deftigste Portion Fremdschämen in sämtliche Stuben des deutschsprachigen Raumes exportiert werden wird. Brechreiz ist angesagt, und die Schauspielerin hätte eigentlich mit Selbstverbrennung drohen sollen.
Tja, und bis jetzt habe ich erst von der neuen Ausgangslage geredet, und noch nicht einmal von der heutigen Geschichte.
Aber ganz ehrlich, zu dieser mag ich gar nichts schreiben. Da müsst ihr schon selber durch. Ok, vielleicht täusche ich mich ja, es wäre nicht nur den Saarländern, sondern uns allen zu wünschen. Momentan jedoch, mit meinem zugegeben beschränkten Wissensstand, fühle ich die totale Fassungslosigkeit. Wie kann man eine neue Tatort-Reihe dermassen dämlich lancieren?

Erwartungs-Barometer: 3
Die Note danach: 1.5

Saarbrücken sollte bei der nächsten Rundumerneuerung wohl nicht nur den dementen Kommissar und die debilen Filmemacher, sondern endlich auch die dilettantisch schlecht arbeitende Entscheidungsetage ersetzten. Ansonsten ist dieser Tatort auch mit den nächsten 1000 Kommissaren nicht zu retten. Aber das Allerschlimmste daran ist, dass es sicher viele Leute geben wird, die diesen Schrott auch noch gut finden werden!

0 = ungefähr so viel Erwartung wie von einer solch üblen Provinz wie dem Saarland.
6 = ungefähr so viel Erwartung wie von der Zeitumstellung in Des Moines.

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13. Januar 2013

Tatort: Kaltblütig (Ludwigshafen)

Nach Hannover, Frankfurt, München, Köln und ein bisschen Berlin (irgendwann), nach so viel gutem Tatort, nach dieser Dichte an Qualität, habe ich wirklich absolut keine Lust mich mit solchem Dreck zu befassen.
Der Tatort aus Ludwigshafen ist halt der Tatort aus Ludwigshafen. Manchmal ist er etwas besser, und manchmal etwas schlechter, ungenügend jedoch ist er immer! Diese Folge ist vielleicht sogar eine der besten, aber eben, weil immer noch ungenügend, auch nicht wirklich sehenswert. Das Mordopfer war schwanger und somit stellen sich die Kommissare (Hardcore Single Odenthal & Hobby Freigeist Kopper) ein paar Grundsatzfragen zum Leben. Ein TV Magazin fasst das Positive kompakt zusammen:
„Viele Wendungen und ein starkes Motiv: Liebe“
Wer will das sehen? Ich sicher nicht.

Erwartungs-Barometer: 3,5 
Die Note danach: 3,5

Seit fast 24 Jahren ist das erzemanzipierte Hexchen nun schon am Ermitteln und seit 17 Jahren tanzt auch noch der fette Pudel nebenher. Das am längsten im Einsatz stehende Team überhaupt. Während man in vielen anderen Städten zumindest versucht mit der Zeit zu gehen und mit neuen Ermittlerteams zum Teil beachtliche Erfolge feiern kann, hält man hier verzweifelt an einem total veralteten Konzept aus den Anfängen der 90er Jahre fest. Da kann das Motiv noch so stark sein.

0 = ungefähr so viel Erwartung wie von Stanislas W. Gürbetal. 
6 = ungefähr so viel Erwartung wie von Roger F. Canes. 

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6. Januar 2013

Tatort: Machtlos (Berlin)


Nach zwölf intensiven, aber erfreulich spannenden Tagen endet das Tatort-Spektakel zum Jahreswechsel nun also mit der vierten und letzten Folge. Und was würde besser zu diesem Barometer passen, als ein Grande Finale zu Berlin? Wir haben drei richtig feine Tatorte gesehen, und es ist zu hoffen, dass uns Berlin die gute Laune zu Beginn des neuen Jahres nicht gleich wieder vermiesen wird. Oft schon habe ich die Ambivalenz dieser Stadt, des Tatortes dieser Stadt und der Haltung des Autors zum Tatort dieser Stadt angesprochen. „In keiner Stadt klafft Anspruch und Realität (u.a. des Tatortes) dermassen weit auseinander wie in Berlin“ hab ich kürzlich geschrieben. Ich muss etwas präzisieren. Vielleicht nicht der Anspruch, aber mit Sicherheit mein Anspruch! Tja, an eine der spannendsten Städte der Welt hege ich tatsächlich den Anspruch, dass es dort Filmschaffende geben müsste, die einen Tatort leicht über dem biederen Durchschnittsniveau erschaffen könnten. Aber mal für mal wurden wir - wurde ich - bitter enttäuscht. Und auch wenn es Lichtblicke gab, wenn die Hauptdarsteller wirklich gut sind, so wurden die Erwartungen - wurden meine Erwartungen - nie auch nur annähernd erfüllt. Klar, die logische Konsequenz eines logischen Barometers wäre folglich, dass mit all den schlechten Drehbüchern, mit all den langweiligen Geschichten auch die Erwartungen sinken würden. Und das wäre ja auch so in jeder anderen Stadt. Aber so funktioniert Berlin nicht, so funktioniert dieses Barometer nicht. Berlin muss man nehmen, wie es ist. Keiner hat dir versprochen, dass der Tatort da gut sein wird. Keiner hat dir versprochen, dass das Leben da gut sein wird, oder dass die Geschichten da gut sein werden. Sie können, aber sie müssen nicht. Und so gibt es weder für den Berliner, noch für den Barometer-Autor einen Grund nachtragend, oder gar unzufrieden mit dieser Situation zu sein. Egal wie schlecht ein Tatort, egal, wie missglückt eine Berliner Geschichte auch war, er vergisst und verzeiht am nächsten Tag. Denn jeder Morgen ist in dieser Stadt ein Neuanfang. An jedem Morgen könnte irgendwo in einem Kreuzköllner Stübchen bei 2-Euro-Wodka und Dart die Bombe explodieren. Jederzeit könnte irgendwo jemand sitzen, der aus einer Lebenserfahrung, aus einer Kurzgeschichte, oder einfach nur aus einer kongenialen Idee den Jahrhundert-Tatort schreiben könnte. Nun, ein weiteres Mal hat das nicht ganz geklappt, obwohl die Geschichte eigentlich Potential hätte. Es geht um eine Entführung und einen Täter, der nach der Geldübergabe auf dem Alexanderplatz das Lösegeld an Penner und Musikanten verteilt. Da pocht mein Herz und versucht mir zu sagen, dass das wirklich spannend werden könnte. Mein Kopf aber, der weiss, dass sie kommen werden, die nicht funktionierenden Momente. Dass die Langweile wieder durch Berlin Mitte schleichen wird, und dass wir auch diese möchte-gern-weltverbessernde und belehrende Art, die der Berliner Tatort oft mit sich bringt, erneut zu hören kriegen werden. Aber eben, am nächsten Morgen schon ist das egal. Am nächsten Morgen beginnt ein neues Leben in Berlin. Ja, am nächsten Tag kann alles passieren. Irgendwann, wenn es niemand mehr erwartet, knallt es und der Berliner Tatort wird euch dermassen durch die Bude blasen, dass ihr nicht mehr wissen werdet, wo oben und unten ist (oder sein wird). Kiel, München oder Frankfurt sind nahe dran, an dem von mir in letzter Zeit so oft beschriebenen perfekten Tatort, aber Berlin wird grösser. Berlin wird gigantisch. Nicht perfekt, aber gigantisch. Nun gut, das alles ist natürlich erst ein Projekt. Das steckt noch in den Köpfen von ein paar viel beschäftigten Autoren, die sich im Görlie oder am Kanal beim Rumliegen inspirieren lassen. Da muss man sich jetzt erst noch ein paar Mal zu Soja-Latte, zu einer Kuschel-Flatrate oder zum Ping Pong Spielen treffen und danach mal schauen, wie man das angehen könnte. Es sind halt so Ideen, und man kennt da so paar Leute und so. Aber in diesem Jahr, wird das sicher knapp, weil sonst so viel um die Ohren und so. Aber das monumentale Werk wird kommen, da ist man sich einig. Natürlich nicht heute oder morgen, viel zu stressig, aber es kommt. Irgendwann. 

Erwartungs-Barometer: 4,5 (*)
Die Note danach: 4 
(...und selbst die nur mit zwei zugedrückten Augen!)

In der letzten Zeit ist in Berlin zwar eine leicht positive Entwicklung zu beobachten, aber einmal mehr wird der Tatort alles andere als durch die Decke gehen. Ich freue mich trotzdem und drücke mal wieder beide Augen zu*. Es hat mir ja keiner versprochen, dass das ein guter Tatort werden wird. Es ist vielleicht einfach das, wozu Berlin im Moment fähig ist. (Weil halt alles bisschen viel und alle bisschen überarbeitet und so...) 
 
0 = ungefähr so viel Erwartung wie von der Cuvry 2012.
6 = ungefähr so viel Erwartung wie von der Cuvry 2006. 

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1. Januar 2013

Tatort: Scheinwelten (Köln)

Happy New Year… Und wieder war es nur ein Traum! Natürlich, München hatte brillante Momente und zeigte uns immer mal wieder, wie ein wirklich guter Tatort sein könnte. Aber er hatte doch auch wieder zu viele Aussetzer. Das nicht lustige Lustige hat dem Tatort gar nicht gut getan, und aus meiner Sicht war der, von Kritik und Publikum hoch gelobte Profiler nicht wirklich auf der Höhe. Wie befürchtet, fand ich diesen Strang eher unglaubwürdig und auch nicht sonderlich gut gespielt. Er riss einen aus einer sonst grossartigen Geschichte. Schade. Unter dem Strich kann man das Jahr 2012 (mit den letzten zwei Folgen als typische Beispiele) also so zusammenfassen: Frankfurt und München gehören aufs Podest, aber Kiel ist und bleibt momentan die Nummer Eins. Wenn ich Borowski jeweils nicht die obligate halbe Note abziehen müsste, für die teils peinlichst schlecht aufspielende Sibel Kekilli, hätte er immer mal wieder eine 6 gekriegt. So aber müssen wir akzeptieren, dass seit der Geburt des Barometers nach wie vor kein einziger Tatort gesendet wurde, der von A-Z funktionierte. Wir müssen weiter auf die perfekte Episode warten. Möglich wäre es und oft fehlt nicht sehr viel, das hat München eben wieder gezeigt.
Aber lassen wir das alte Jahr nun ruhen, und freuen uns aufs 2013. Es startet mit Köln. Köln wird nicht ganz auf Münchener Niveau mithalten können, und trotzdem bin ich positiver Dinge. Nach Jahren der Langeweile und nach Jahren im Zeichen des Laiendarstellers Klaus J. Berendt, konnte man in den letzten paar Kölner Folgen doch einen feinen Aufwärtstrend erkennen. Bei Scheinwelten scheint es in diesem Stile weiter zu gehen. Es geht um Scheinwelten aller Art. Der Schein mit falschen Papieren, Scheinehen, Ehepaare, bei denen vieles nur noch Schein ist, es geht um Geldschein und Geldscheine und um mehr Schein als Sein. Zudem rückt der sonst eher im Hinterhalt fungierende Staatsanwalt Wolfgang von Prinz in dieser Folge ziemlich ins Zentrum der Geschichte, da seine Frau eine Art Affäre mit dem Vater des Ermordeten hat. (Satz verstanden?) Nicht, dass ich die Figur des Staatsanwaltes sonderlich gut finde, aber jede Minute, in der er und somit nicht der Kommissar Ballauf zu sehen sein wird, ist für uns eine positive Minute. Und zu guter Letzt, sollte man auch die Optik eines Filmes nicht vergessen. Köln setzt immer ziemlich viel Wert auf einen guten Look. Wir stecken ja immer noch inmitten der Tatort-Feiertage. Vier Folgen in knapp zwei Wochen. Ohne dass ich die Folge aus Köln allzu schlecht machen möchte, aber sie ist in diesem Quartett wohl am unteren Ende anzusiedeln. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil die Konkurrenz einfach etwas besser ist. 

Erwartungs-Barometer: 4,5
Die Note danach: 4,5  

Gemessen an Frankfurt und München, wird es schwierig für Köln. Gemessen am Tatort-Durchschnitt, werden wir jedoch einen guten Beitrag sehen. Ein unspektakulärer, aber sehenswerter Fall zum Start ins neue Jahr, auf dem sich weiter aufbauen lässt. Der Aufwärtstrend in Köln scheint scheinbar weiter anzuhalten. 

0 = ungefähr so viel Erwartung wie von den USA zu diesem Silvester.
6 = ungefähr so viel Erwartung wie von den USA zum nächsten September. 

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30. Dezember 2012

Tatort: Der tiefe Schlaf (München)

Frankfurt war gut - München wird besser!
Kürzlich erst habe ich im Barometer von den traumhaften Bedingungen erzählt, unter denen in München Filme gemacht werden können. Ich habe den höchst professionellen Apparat des Münchener Tatorts ausführlich erklärt. (Ein neues Leben, 28.Oktober 2012). Dass ausgerechnet diese Folge damals kläglich scheiterte (die angeblich wahre Geschichte war wirklich sehr dürftig umgesetzt), war zwar eine krasse Fehleinschätzung meinerseits, ändert jedoch nichts an den Tatsachen der Gesamtsituation. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass hinter dem Tatort aus Bayern, das mit Abstand kompetenteste Filmteam überhaupt steckt.
Ich gebe zu, wenn München in der letzten Zeit eine Schwäche hatte, dann war diese leider immer das Drehbuch.
Also versteht mich nicht falsch, das nennt sich "Jammern auf allerhöchstem Niveau". Aber da München halt in sämtlichen Bereichen in der obersten Liga spielt, hauen einen kleine Fehler im Script sofort aus der Geschichte raus. Tatorte aus andern Städten, die grundsätzlich schlecht gemacht sind, haben dieses Problem natürlich weniger. So ist das harte Los der Qualität. Ein jeder Tatort wird vom Barometer nun mal an seinem eigenen Niveau gemessen. Es geht ja um die Erwartung, und die steigt logischerweise, bei einer hohen Qualität. Aber da das Drehbuch nicht ganz unwichtig ist für eine gelungene Folge, schaffte es München tatsächlich in den letzten Jahren nicht mehr ganz nach oben. Sie waren gut, aber für die Spitze fehlte immer das gewisse Etwas bzw. eben das wirklich gute Drehbuch.
Mit dieser Folge jedoch, könnte sich das nun schlagartig ändern. Die tragische Geschichte um ein getötetes Mädchen klingt enorm spannend. Das Einzige was die Ermittler als Hinweis haben, ist ein Räuspern des Killers, aus dem letzten Anruf der Ermordeten. Die Schauspieler werden gross aufspielen, zu Kamera, Filmsprache und Machart muss ich bei den Bavariastudios sowieso nichts mehr sagen. Aber achtet euch für einmal auch auf den Ton. Wie in dieser Folge der Ton eingesetzt wird. Auch in diesem Bereich ist der Bayrische Rundfunk den andern Sendern weit überlegen. In München hängt also einmal mehr alles nur davon ab, ob das Drehbuch durchgehend funktionieren wird, oder ob sie sich erneut mit unerklärlichen Hängern die Spitzenposition versemmeln werden.
Ich sehe da eine Sache, die mich leicht nervös werden lässt. Dem Ermittler-Duo wird ein Profiler aus Norddeutschland zur Seite gestellt. Und weil seine sehr spezielle Art die Kommissare ziemlich nervt, wollen sie ihn möglichst schnell wieder loswerden. Das ist genau so ein Strang, der unter Umständen wieder alles versauen könnte. Mit der Betonung auf „könnte“! Die Richtung klingt ein bisschen nach dem Psycho Kommissar aus Dortmund (bzw. nach Dr.House oder Monk). Aber trotzdem habe ich irgendwie ein spezielles Gefühl. Ein gutes Gefühl. Eines, welches ich ganz selten habe. Irgendwie sind wir mit dieser Folge ganz nahe an einem Volltreffer dran. Und da der linkische Profiler von Fabian Hinrichs (ein hervorragender Schauspieler) gespielt wird, könnte es dieses Mal tatsächlich funktionieren. Vielleicht findet genau er die richtige Mischung, um diese schräge Figur glaubwürdig zu spielen und die heiklen Passagen, in denen das Drehbuch kippen könnte, zu retten. Vielleicht also, werden wir endlich mal wieder einen Tatort sehen, bei dem einfach alles aufgeht. Stellt euch mal Folgendes vor:
Wir könnten 2012 mit dem besten Tatort des Jahres beenden!
"Einfach nur ein Traum im tiefen Tatort-Schlaf?" oder 
"Welch Traum, nach diesem tiefen Tatort-Schlaf!"
 
Erwartungs-Barometer: 5,5
Die Note danach: 5 
(Eine 6 wäre drin gelegen. Siehe Barometer 01.01.2013) 

Ich wurde vor kurzem gefragt, warum ich eigentlich den Tatort noch schaue, wenn ich ihn doch so oft schlecht bewerte und wenn ich doch mindestens 90 % davon scheisse finde:
Schaut diese Folge, dann wisst ihr warum!

0 = ungefähr so viel Erwartung wie vom alten Jahr.
6 = ungefähr so viel Erwartung wie vom neuen Jahr.
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