14. September 2014

Tatort: Wüstensohn (München)


In Deutschland befand sich die Zuschauerquote des Luzerner Tatorts erwartungsgemäß auf einem Rekordtief, aber trotzdem überwiegt beim Barometer die Freude. Die Schweiz ist letzten Sonntag mehr als nur im Tatortolymp angekommen. Natürlich gäbe es wie immer Dinge, die man bemängeln könnte, aber ich kenne mindestens drei Teams in Deutschland, welche, seit ich Tatort schaue, noch keine Folge auf nur annähernd diesem Niveau geliefert haben. Luzern darf wirklich stolz sein, der Zuschauer darf zufrieden sein, die ARD jedoch sollte sich was schämen. Pfui. Das war wirklich das Allerallerletzte, was ihr je geboten habt!
Das gewaltige Gewitter hat sich nun also verzogen, der Wirbelsturm zum Start der neuen Saison ist abgeflaut, und wir können uns jetzt wieder in Ruhe auf den Tatortinhalt konzentrieren. Und als wäre meine Laune nicht schon aufbruch-euphorisch genug, dürfen wir uns auch noch auf München freuen. Eines meiner Lieblingskinder.

„Der Sohn des Emirs von Kumar brettert mit 180 Sachen und mit einer Leiche im Auto durch die Stadt. Aufgrund seines Diplomatenstatus jedoch völlig unbehelligt.“

Klingt nicht gerade nach authentischer Story und es wird doch ziemlich schwierig werden, so ein Prinz aus Zamunda-Schrott glaubwürdig darzustellen. Bei uns normalen Menschen wirken Geschichten aus dem steinreichen Milieu doch immer irgendwie unglaubwürdig, völlig aufgesetzt und übertrieben, weil schlicht nicht vorstellbar. Aber das heisst noch lange nicht, dass es vielleicht nicht wirklich genau so ist. Oder noch viel gestörter.
Gerade als Schweizer sollte man das doch bestens kennen. Im Wallis schafft man es in guten Positionen allerschlimmste Verbrechen einfach zu vertuschen und auf einen Hund abzuschieben, der Stadt Bern entgehen jedes Jahr tausende an Diplomaten-Fuzzi-Bußgeldern, und gerade aktuell ist doch die Story von rasenden Arabern in Interlaken, bei welchen laut Tourismus Direktor bewusst zwei Augen zugedrückt werden sollen, weil man sie bzw. natürlich ihr gutes Geld unter keinen Umständen verlieren möchte. Tja, so läuft das hier, in der feinen Schweiz. Und warum sollte das in München anders sein? Zudem habe ich in München mal eine ziemlich absurde Geschichte erlebt. Nicht exakt zu diesem Thema, aber lest doch selbst:

Eines Abends, spät nach einem Training, hab ich an einer verlassenen Busstation am Leonrodplatz einen Rucksack gefunden. Keine Menschenseele weit und breit, selbst der WienerWald auf der andern Seite war längst geschlossen. Die Strassen waren leer und die Weite schien stockdunkel. Nur die blass wirkenden Strassenlampen gaben etwas Licht, auf der ganzen Kreuzung blinkten die orangen Ampeln in einem leicht angespannten Takt und der schmale Lichtkegel der Busstation zielte exakt auf diesen Rucksack. Wirklich ein gespenstischer Moment, aber ganz ehrlich, genau so geschehen. Ich also ziemlich nervös, mache den Rucksack auf und finde eine Adresskarte einer Klinik, einen Monatsvertrag eines äusserst renommierten Fitnesscenters, welcher jedoch schon ein paar Wochen abgelaufen war, ein Zettel mit arabischen Notizen und 950 Euro in grossen Scheinen (9x 100Euro und 1x 50Euro). Ich also noch etwas nervöser. 950 Euro waren zu dieser Zeit und bei dem damaligen Kurs von 1.68, doch eine Menge Geld für mich. Sehr suspekt, dieses unreale Szenario. Fühlte mich doch irgendwie beobachtet. Ich also noch vor Ort bei dieser Klinik angerufen und versucht die Sachlage zu klären. Nicht ganz einfach, zu dieser Uhrzeit. Am andern Ende der Leitung bat mich ein äusserst gestresst wirkender Mann, doch bitte am nächsten Tag nochmals anzurufen, sie hätten grad einen Notfall. Einen Notfall? Was zum Teufel meint der mit einem Notfall? Bin am Ende ich der Notfall? Ich also Rucksack zu, ab in den nächsten Bus, der um die Ecke kam und weg von diesem unsicheren Tatort. Je länger die Fahrt dauerte, umso mulmiger wurde mir. Die wenigen Leute, die verteilt im Bus sassen, sahen alle irgendwie aus wie potentielle Ex-Besitzer dieses ominösen Gepäckstücks. Ich also plötzlich wirklich Panik, zwei Stationen zu früh aus dem Gefährt gesprungen, geschaut, dass mich keiner verfolgt und mit (zu einem späteren Zeitpunkt kaum nachvollziehbaren) Zickzack-Linien nach Hause gerannt. Falls mir jemand tatsächlich gefolgt wäre, ich hätte ihn mit grosser Sicherheit abgehängt. Zuhause angekommen meine Stimmung auf völlig paranoide, da die Klinik ja meine Handynummer gesehen haben könnte. Die würden mich nun jagen, und sicher niemals glauben, dass ich das Geld wirklich hätte zurückgeben wollen. Wollte ich aber. Oder wollte ich nicht, oder wollte ich doch? Oder nicht, aber wusste, dass ich es sollte? Eine zu heisse und zu unruhige Nacht. Ich also, ehrlich oder paranoide wie ich bin, am nächsten Morgen wieder ans Telefon. Dieses Mal in einer Telefonkabine, an der Münchener Freiheit. Eine, welche sich nicht im Sichtbereich der MVV Überwachungskameras befunden hat. Zumindest gemäss meinen präzisen, jedoch sehr unauffälligen Nachforschungen. Und wieder meldete sich dieser Mann vom Vorabend. Dieses Mal klang er äusserst ruhig und mit einer angenehmen Stimme. Sehr geschliffenes und überartikuliertes Deutsch, jedoch mit leicht arabischem Akzent. Ich also mit Puls auf 180, erzählte ihm nochmals die Geschichte. Dass ich eine Menge Geld gefunden hätte und auf dem Fitnessabo-Vertrag wohl der Name des Besitzers stehen würde. Er erklärte mir freundlich, dass sie eine Privatklinik seien, in welcher sich Saudi-Araber behandelten lassen würden, die jedoch jeweils nur für kurze Zeit in München weilen. Er dürfe mir natürlich keine genauere Auskunft über diesen Herrn geben, aber er könne mir sagen, dass er schon eine Weile nicht mehr in München sei. Er sei mittlerweile gesund wieder zu Hause. Gesund wieder zu Hause? Oder halbtot in einem scheiss Kellerverliess? So wie ich auch bald? Ob er wissen dürfe, was ich unter „einer Menge Geld“ verstehe, fragte er ganz nüchtern. Ich also aufgeregt: „950 Euro!“ Er weiterhin sehr ruhig und mit tiefer Stimme: „Neunhunderfünfzig Euro?“ Dann Stille. Dann leises Lachen. Dann wieder Stille. Dann nochmals ein leichtes Prusten, welches er mit aller Macht versuchte zu unterdrücken: „Neunhundertfünfzig Euro also“. Nun gut, ich solle doch das Geld mal vorbei bringen, wenn ich in der Gegend sei und er schaue, dass der Herr, das wieder erhalten würde. Vorbeibringen? Irgendwann? 950 Euro - irgendwann, wenn ich in der Gegend sei? Was? Er schaut, dass der halbtote Araber das Geld im Verliess kriegen wird? Und mein Finderlohn ist eine Stunde Waterboarding oder was? Er bedankte sich äusserst freundlich und legte auf. Ich brauchte einen Moment um mich zu sammeln, um zu realisieren. Wurde ich gerade eben ausgelacht, weil ich 950 Euro zurückgeben wollte? Echt jetzt? Ich habe da wirklich angerufen, weil ich dieses Geld zurückgeben wollte. Ob nun aus Ehrlichkeit oder aus purer Angst um mein Leben, kann ich nicht so genau sagen. Wohl ein Mix aus beidem. Tja, selbstverständlich habe ich nach diesem Anruf sämtliche Scheine behalten. Was weiss ich, bei wem dieser lächerliche Betrag am Ende gelandet wäre. Für die einen sind knapp 1000 Euro also ein Handgeld für einen kurzen Abstecher auf dem Viktualienmarkt, für mich war das damals fast ein ganzer Monatslohn.
Ich also alles aus dem Rucksack und das Teil noch an der Münchener Freiheit in einen Mülleimer, welcher laut meinen Nachforschungen natürlich auch nicht im Blickwinkel der Kameras lag und danach ab nach Hause, im Zickzack selbstsprechend. Am nächsten Tag habe ich mir einen Festplattenrekorder gekauft. 2004 war diese Technik ganz neu, der letzte Schrei. So konnte ich die Tatorte direkt auf eine Harddisk aufnehmen und musste nicht mehr mit VHS-Kassetten hantieren. Und mit dem Rest der Beute konnte ich meinen, eben angereisten, Besuch (Stalder!) auf ein sehr gutes Essen einladen und mit ihm das ganze Wochenende durchfeiern. Hier mal noch ein herzliches Dankeschön, an den saudischen Prinzen, oder was auch immer er war. Danke! War geil, wenn auch etwas zu aufregend für meinen labilen Verstand.

Zugegeben, mit einem Diplomatenstatus-Mörder im Lamborghini hat das herzlich wenig zu tun, aber seither weiss ich, dass nichts unmöglich ist, wenn es um München, Geld und reiche Araber geht. Oder wurde einer von euch schon mal ausgelacht, weil er 1600 Franken zurückgeben wollte? Also.

Erwartungs-Barometer: 5
Die Note danach: 5

Etwas gar dick aufgetragen, aber wie erwähnt: Nichts ist unmöglich im arabischen München. Und irgendwie bin ich ganz froh, dass ich das Geld nicht zurückgebracht habe, als ich mal in der Gegend war.

Die Prinzen Posse wird sicher schwer überzeichnet wirken, und ich befürchte, dass der Tatort eher in Richtung lustig, anstatt in Richtung Ernsthaftigkeit inszeniert wurde, aber es ist halt doch München. Und so erwartet uns zwar kein Meisterwerk, aber die hohe Qualität seit dem Ende der Sommerpause, wird nicht nur gehalten, München legt noch eine kleine Schippe drauf. Ihr werdet also hoffentlich tatort-zufrieden und ich ganz ohne Panik (10 Jahre nach dem Fund) ins Bettchen liegen können. Obwohl, den Zettel mit den arabischen Notizen habe ich noch immer. Und ich weiss bis heute nicht, was eigentlich darauf steht...

0 = Geld finden, zurückgeben wollen und dafür ausgelacht werden.
6 = Geld finden und es am Wochenende ohne schlechtes Gewissen (mit Stalder!) verballern können.

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7. September 2014

Tatort: Verfolgt (Luzern)


Season Premier 2014/2015

Switzerland vs. Austria PART II

Was ist das für eine Geschichte, liebe Tatort Freunde? Setzt euch hin und haltet euch fest. Wien hat letzten Sonntag mit 8.96 Mio. Zuschauern nachweislich die beste Quote geholt, die je ein Tatort nach der Sommerpause geholt hat! Alles geht auf, das Barometer setzte einmal mehr genau auf das aktuelle, auf das entscheidende, ja schlicht auf das richtige Thema! Obwohl der Rentner-Tatort aus meiner Sicht eher bescheiden war, explodierte die Zuschauerzahl und macht meine Quoten-Geschichte perfekt! Wie kann die Schweiz auf dem nachweislich wesentlich besseren Sendeplatz nun darauf reagieren? Die nackten Tatsachen liegen auf dem Tisch, die Ausgangslage könnte spannender nicht sein, der ganz grosse Krimi ist angerichtet!

Genau so habe ich mir das vorgestellt...
...also genau so hatte ich mir das vorgestellt!

Denn nun kommt die dramatische Wende! Die wohl dramatischste Wende im deutschsprachigen Raum, seit The Hoff 1989 die Mauer zu Fall brachte.
Die Wende 2014! Völlig unerwartet, auch für mich. Das Barometer hat nämlich für einmal ein kleines Detail übersehen. Ein klitzekleines, aber eines, welches nun alles auf den Kopf stellt. Eines, welches die ganze Geschichte, welches den ganzen Tatort, und welches auch das Barometer-Dasein mit einem Schlag zerstört! Welch traumatisch bitterer Hammer. Wie konnte ich nur so naiv sein auch nur eine einzige Sekunde zu glauben, dass die Schweizer den besseren Slot kriegen würden, als die Österreicher? In welcher rosaroten Tatort-Welt lebe ich eigentlich? Nein, für einmal wurde nicht nur das SRF vom Ersten Deutschen Fernsehen gefickt, sondern auch das Barometer. Und zwar deftiger als je zuvor.
Bis zum heutigen Tage war dieser Termin nach der Sommerpause, welcher nun Wien so grandios ausgenutzt hat, nämlich wirklich der mit Abstand schlechteste, den man kriegen konnte. Bis heute. Und dass ihn nicht die Schweizer gekriegt haben, hätte mich von der ersten Sekunde an stutzig machen sollen. Aber eben, rosarot und so. Denn in diesem Jahr hat man sich für Luzern etwas ganz Besonderes ausgedacht. Der Schweizer Tatort wird zur gleichen Zeit ausgestrahlt, wie die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes EM-Qualifikations-Spiel bestreiten wird.

WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAASSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS?????????????????????????????????????????????????????

Ja, ihr hört richtig. Tatort, während den Jogi-Boys! Das ist DIE Jahrhundert-Katastrophe! Ein nicht mehr zu überbietendes Drama. Unter jeder erdenklichen Saukanüle ist das. Eine Frechheit von unerdenklichem Ausmaß! Das hat es so noch nie gegeben. Wirklich noch nie!!! Natürlich hat nicht die ARD entschieden, dass seit neuem die EM-Quali Spiele auch am Sonntag stattfinden, aber dann programmiert man doch keine Tatort-Erstausstrahlung gleichzeitig. Also da finde ich wirklich keine Worte mehr. Für die Schweiz ist das der absolute Super-Gau. Und als Verantwortliche des Luzerner Tatorts gibt es eigentlich keine andere Konsequenz, als auf der Stelle aus dem Bündnis auszutreten. Klarer kann man jemandem nicht sagen, was man von seiner Arbeit hält. Als ob der oberste ARD Tatort-Boss nach Zürich reisen, und im Leutschenbach direkt vor den Eingangsbereich kacken würde. Das Barometer würde sich eine solche unendliche Arroganz nicht mehr länger bieten lassen.
Mit diesem nicht unwesentlichen Fakt hat sich also auch die mit Spannung erwartete Quoten-Schlacht der Alpenfurz-Länder auf deutschem Boden erledigt. Denn während einem Spiel des frisch gebackenen Weltmeisters schaut nämlich auch das hinterletzte Grosi und selbst der coolste Anti-Fussball-Hippster aus Berlin-Kreuzkölln sicher keinen Tatort. Die einzigen paar Nasen, die in Deutschland beim Flückiger-Tatort dabei sein werden, sind die Zuschauer, welche am Samstag bei der Volks-Rock’n’Roll-Show auf ARD eingepennt und bis Sonntag 20.15 Uhr noch immer nicht wieder erwacht sind. Oder vielleicht gar vor der noch immer laufenden Glotze gestorben sind. Aber das wird nicht reichen um Österreich zu schlagen, auch wenn das Samstag-Programm noch so langweilig gewesen sein mag.
Und wisst ihr was das wirklich Traurige an dieser ganzen Geschichte ist? Der Schweizer Tatort wird wahrscheinlich ziemlich gut. Genau das, was ich gehofft habe. Man versucht endlich auf dem Niveau des Fasnacht-Tatorts weiterzukommen und riskiert wieder ein bisschen was. „Selbstironisch und rasant“ ist zu lesen. „Die Episode steigt mit einer Energie ein, die sich andere fürs Finale aufsparen!“ Wow! (Was auch immer das bei Luzern bedeuten mag.) Aber endlich mal ein heikles politisches Thema. Es geht um das Bankgeheimnis und um das mitunter getrübte Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz. Also brisant, hochaktuell und irgendwie doppelt schade, dass die Deutschen nicht einschalten werden. Denn nachdem mich Wien doch leicht enttäuscht hat, glaube ich, dass der Luzerner sogar etwas besser werden könnte. Stellt euch das mal vor. Welch Quadratur der Jahrtausend-Ereignisse in ihrer Absurdität das wäre. Die Schweiz macht einen besseren Tatort als Österreich, und keiner schaut zu.

Erwartungs-Barometer: 5
Die Note danach: Eigentlich eine zufriedene 5, aber weil es ein Schweizer war: 5.5
Was interessieren uns die Quoten von Österreich? Wir machen dafür bessere Tatorte!

Sollen doch die Deutschen ihre erfolgsverwöhnte und gesättigte Nationalmannschaft abfeiern. Sollen sie doch ein langweiliges und völlig unbedeutendes 4:0 gegen Schottland schauen. Wer braucht die schon? Wir Schweizer geniessen einen viel grösseren und bedeutenderen Sieg an diesem Wochenende. Die neue Qualität aus Luzern. Lasst uns diesen Erfolg halt im Stillen und ganz alleine feiern. Das können wir ja bestens. Und am Montagmorgen setzt sich der Leiter Fiktion einer bekannten Schweizer Fernsehanstalt an seinen Schreibtisch und schickt der ARD die fristlose Kündigung. Ihr könnt uns alle mal, nachweislich!

0 = Von der ARD gefickt zu werden.
6 = Die GEZ zu ficken.

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30. August 2014

Tatort: Paradies (Wien)


Season Premier 2014/2015:

Switzerland vs. Austria PART I

Kaum zu fassen. Der Sommer ist vorbei, der Tatort ist zurück und mit ihm das gute, alte Barometer!
Freut euch jedoch nicht zu früh, die Tage werden zwar kürzer, meine Einträge jedoch nicht. Und auch die Qualität des Barometers wird selbstverständlich nicht gesteigert, nur die Kritik wird vielleicht noch etwas schärfer. Erklärtes Ziel bleibt es, den perfekten Tatort zu finden. Auf dem Weg dahin werden jedoch weiterhin sämtliche dilettantischen Ansätze unserer aller geliebten Institution gnadenlos aufgedeckt.
Und so möchte ich mit einer kleinen Geschichte zum helvetischen Beitrag der Tatort-Reihe beginnen.
Kurz vor der Sommerpause veröffentlichten diverse Zeitungen die durchschnittlichen Zuschauerzahlen des Tatorts. Und während die Schweizer Ausgabe zwar hierzulande eine relativ hohe Quote vorzuweisen hat, lockt sie in Deutschland mit Abstand am wenigsten Zuschauer vor den Fernseher. Dass das Schweizer Team im germanischen TV-Markt nicht grad durch die Decke geht, mag für uns Tatort-Fachleute (die wir ja alle sind) keine allzu grosse Überraschung sein, für die Macher der Luzerner Reihe jedoch scheint das absolut unverständlich. Und so liessen die Erklärungen und Stellungsnahmen nicht lange auf sich warten.
Der Leiter „Abteilung Fiktion“ einer bekannten Schweizer Fernsehanstalt wurde in einem Interview z.B. mit folgender Frage konfrontiert:

„Wie erklären Sie sich denn diese schlechte Platzierung?
“

Das Barometer hätte an seiner Stelle ungefähr Folgendes geantwortet:

„Was denken Sie eigentlich wie gerne wir endlich einen anständigen Tatort drehen würden? Aber wie sollen wir das machen, wenn wir im ganzen Land keinen einzigen Drehbuchautor finden, der uns ein einigermassen gutes Script liefern kann? Selbst die besten Schauspieler der Welt könnten bei diesen holprigen Dialogen keine glaubwürdige Szene spielen. Unmöglich. Und selbst wenn. Die Schweiz ist langweilig, Luzern ist langweilig, das Fernsehen ist langweilig, die Schauspieler sind langweilig, das Leben ist langweilig, die Zuschauer sind langweilig... was sollen wir da tun? Uns fehlen die Geschichten, uns fehlt der Mut, uns fehlt es an allem. Wir sind zu neutral-banal.
Aber wir werden weitermachen und unser Bestes versuchen. Vielleich schaffen wir irgendwann einen Einstieg auf dem Niveau, auf welchem der Fasnachts-Tatort beendet wurde. Ab da wurde es nämlich spannend, ab diesem Punkt wären wir richtig gut. Wir könnten es also. Da haben wir mal bisschen was riskiert, aber danach kriegten wir wieder nur noch Schrott geschrieben. Ich werde kämpfen, wir werden kämpfen, wir werden es früher oder später hinkriegen, das sind wir den Zuschauern schuldig. Hiermit verspreche ich jedem einzelnen Gebührenzahler, dass wir an einem Schweizer Tatort arbeiten, der ganz Deutschland vor Freude zum Weinen bringen wird!“

Ungefähr eine solche Antwort wäre doch irgendwie glaubwürdig und der Situation angepasst gewesen. Wir Zuschauer, hätten die Ehrlichkeit sehr geschätzt. Seine Antwort lautete jedoch so:

„Wie erklären Sie sich denn diese schlechte Platzierung?
“

„Die unbefriedigenden Quoten der letzten beiden Filme haben viel mit dem Sendeplatz zu tun. «Geburtstagskind» wurde unmittelbar nach der Sommerpause ausgestrahlt, «Zwischen zwei Welten» am Ostermontag. Auf diesen Plätzen machen nachweislich auch die anderen «Tatorte» schlechtere Quoten.“ ...

Nachweislich? Äääm, nacheweiseliche? Ich frage mich, was er mit nachweislich genau meint.

Ich werde die Aussage zum Ostermontag weder werten noch kommentieren. Ich füge jedoch ein paar Sätze ein, die ich in einer 45-Sekunden Google Recherche nachweislich gefunden habe.

2012
Die Ostermontag-Folge des Tatorts „Kinderland“ war für die ARD ein voller Erfolg. Wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR) am heutigen Dienstag bekannt gab, verfolgten bundesweit 10,17 Millionen Menschen die Folge aus Köln. Der Marktanteil lag bei starken 28 %.

(Tatort Köln Durchschnitt 2012-2014: 9,37 Mio.)

2013
Das Erste sicherte sich am Ostermontag den Primetime-Sieg, denn der neue «Tatort» aus München unterhielt 9,30 Millionen Zuschauer und war somit der erfolgreichste Tatort aus Bayern in den letzten Jahren. Er brachte es auf 26,1 Prozent Marktanteil.

(Tatort München Durchschnitt 2012-2014: 9,06 Mio.)

2014
Kein anderer “Tatort” lockte in den vergangenen anderthalb Jahren so wenige Zuschauer an wie “Zwischen zwei Welten”, der neueste Fall für Reto Flückiger. Auch damals, im August 2012, war es ein “Tatort” aus der Schweiz, der knapp über der 7-Mio.-Marke hängen blieb.

Hmmmmm.... Egal.

Okay, mit dem Sendeplatz nach der Sommerpause gebe ich ihm absolut Recht. Genau das hat ja das Barometer vor einem Jahr auch schon nachweislich kritisiert. Den Sommer zu beenden ist definitiv sehr schwierig und gute Quoten sind nachweislich wirklich nicht zu holen.

Und trotzdem wird auch in diesem Jahr eine Stadt die Saison eröffnen müssen. Es wird WIEN sein!
Spannender könnte die angerissene Quoten-Geschichte für den Betrachter und für das Barometer also nicht werden. Der Krimi fängt an, bevor auch nur eine Sekunde neuer Tatort gesendet wurde. Was machen die Österreicher auf diesem katastrophalen Sendeplatz? Scheitern auch sie? Oder beweisen sie nach der Sommerpause gar Ostermontag-Qualitäten? Das ist ein Event, das ist ein packendes Drehbuch, da müssen wir dran bleiben. Und als wäre das nicht Spannung genug, lässt die ARD eine Woche danach gleich die neue Schweizer Folge aus der Kiste. Als hammerharten Direktvergleich. Und da sagt mir einer noch, dass die beim Ersten nicht wissen, wie man dramatischste Spannung erzeugen kann. Was brauchen wir den Tatort selber, wenn das Drumherum ein solcher Thriller ist. Österreich muss in den sauren Apfel beissen und die Saison eröffnen, während die Schweiz den wesentlich besseren September-Termin gekriegt hat. Die zwei kleinen Alpenfurz-Länder liefern sich auf deutschen Boden, eine Quoten-Schlacht auf allerhöchstem Niveau. Wahnsinn. Wer schiesst hier wohl wem den sauren Apfel von der Birne? Es ist angerichtet. Lasst die Tatort- Saison beginnen!

Anmerkung:
Versteht mich nicht falsch, nichts würde ich mir sehnlicher wünschen, als dass die Schweiz endlich mal einen richtig Kracher in den Himmel lässt. Ich habe gar eine Lanze für Luzern gebrochen. Habe Deutschland kritisiert, dass sie lieber mal ihre eigenen grottenschlechten Folgen ausmisten sollten, bevor sie uns als löchrigen Käse betiteln. Aber leider wurde auch ich damals ein weiteres Mal enttäuscht. Vielleicht sollte man in dieser besagten Fernsehanstalt für einmal, nur für ein einziges Mal etwas selbstkritischer walten, in Anbetracht dessen, dass man seit Jahren nachweislich die schlechtesten Quoten einfährt, egal auf welchem Sendeplatz.

Erwartungs-Barometer: 5
Die Note danach: Knappe 4.5
Wie gesagt: Unspektakulär, überzeichnet, unglaubwürdig, jedoch gute Dialoge und gut gespielt. 
Unter dem Strich: Ein nachweislich bescheidener Auftakt.

Ach ja, fast vergessen. Der eigentliche Krimi kommt ja auch noch, wie erwähnt aus Wien und noch nicht aus Luzern. Obwohl diese Story eigentlich eher nach Vierwaldstädtersee klingt. Bibis Vater stirbt in einem Pflegeheim auf dem Lande und hinterlässt unerwartet viel Geld. Die Kommissare ermitteln in ihrem Urlaub auf eigene Faust und ein alter Freund begibt sich undercover in das Altersheim.
Nachdem die Fellner und der Eisner nun gegen jede erdenkliche Mafia dieser Welt gekämpft haben, gibt es nun also eine äusserst gemächliche Rentner-Folge zur Saison-Eröffnung. Uns erwartet also kein Großstadt-Feuerwerk, dafür wahrscheinlich ziemlich überspitzte Figuren. Und trotzdem freue ich mich sehr darauf!
Denn wenn jemand unspektakuläre Geschichten gut erzählen kann, wenn jemand selbst komplett überzeichnete Charaktere glaubwürdig darstellen kann, dann ist es Wien. Niemand grantelt so schön, niemand spielt so echt, und niemand schreibt momentan so gute Dialoge wie sie, egal auf welchem Sendeplatz.

0 = Saisonbeginn - Termin
6 = Ostermontag - Termin

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