9. Juni 2014

Tatort: Freigang (Stuttgart)


Bei der ARD läuft seit ein paar Wochen ein neues Quiz mit Jörg Pilawa. Das Quizduell! Eine Show, bei welcher nicht nur Kandidaten im Studio sitzen, sondern auch die Zuschauer zuhause über eine App live mitspielen können. Funktioniert hat es während den ersten Wochen nicht ein einziges Mal. Server immer zusammen gebrochen. Unter dem Strich war es also einfach eine Quizshow mit Kandidaten im Studio. Nichts desto trotz ist natürlich bei einer interaktiven Show, bei welcher die Zuschauer live miteingebunden werden, die Sendezeit von eminenter Wichtigkeit. Und um sich am Ende für den genialen 18.00 Uhr-Slot zu entscheiden, brauchte es meines Wissens schlanke acht Programmplanungssitzungen. Bei der sechsten, hatte ich die grosse Ehre dabei sein zu dürfen. Anwesend waren neben mir folgende vier Personen:

Hr. Meyer / Chef Programmplanung Gesamtdeutschland
Hr.  Richter / Vize-Leiter Programmstruktur Gesamtdeutschland /Chef Programmplanung Baden-Württemberg und Bayern
Hr. Schulz / Leiter Programm Inhalte Nordwestdeutschland / Chef Programmplanung Nordreinwestfalen
Fr. König / Assistentin von Hr. Meyer

Hr. Richter und Hr. Schulz sitzen im Sitzungsraum 14b, welcher sich im 18. Stock des ARD-Hauptgebäudes befindet. Die Wände sind in einer Art Dschungel-Thema dekoriert. Gegen die Decke hin verlaufen die gezeichneten Bäume langsam in echte über und die Äste sprießen aus den Wänden. So viele, dass die ganze Decke eigentlich aus Palmen und exotischen Baumkronen besteht. Es hängen Lianen von den Ästen und im Hintergrund hört man einen Mix aus Vogelgezwitscher und Affengeschrei durch den Regenwald hallen. Der Boden hingegen ist eine Kombination aus pechschwarzem Marmor und importierter Dschungelerde. Es duftet so gut in diesem Sitzungszimmer, dass ich am liebsten eine Papaya pflücken und verspeisen möchte. Man muss sich diesen Raum als eine Mischung aus Rainbowforest Cafe und dem Jungle Room, welcher Elvis in seinem Graceland hatte, vorstellen. Ich bin hin und weg, aber die zwei Herren warten teilnahmslos am frisch polierten Mahagoniholz- Tische, in welchem sich ihre gelangweilten Fratzen spiegeln. Sie warten ungeduldig darauf ein erstes Schlückchen des Kaffees, welcher ihnen soeben serviert wurde, zu schlürfen. Fr. König stellt den dritten Kaffee oben an den Tisch und setzt sich gleich daneben in einen Krokodilledersessel mit vergoldeten Kanten und Armlehnen aus purem Elfenbein. Keine Sekunde später betritt Herr Meyer den Raum.

Hr. Meyer:
Guten Morgen die Herren, guten Morgen Steffi. Mmm. Der Kaffee duftet ja wieder sensationell. Hat sich gelohnt, die alte Maschine endlich durch den handgemachten Kopi Luwak zu ersetzten. Ganz grosse Sache.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Hat sich sehr gelohnt. Wirklich sehr. Insbesondere, da der ja mittlerweile verboten ist.

Hr. Meyer:
Ach, papperlapapp. Verboten. Wir sind das Erste, für uns ist gar nix verboten.
Seht her, ich hab noch frische Brötchen von diesem Edelbäcker mitgebracht. Sau lecker sind die, wirklich sau lecker. Mit diesem Kaviar-Mehl, von dem praktisch ausgestorbenen Nordsibir-Stör. Das ist auch verboten. Interessiert das irgendjemand, hier im Palast?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Für euch ist mir nix zu teuer.

Hr. Richter:
Tu doch nicht so Kalle. Schreibst doch sowieso alles auf Spesen.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Ach was, hart verdientes GEZ-Geld. Zahle ich alles aus meiner Tasche.

Fr. König:
Hmmmm, genau.

Hr. Richter:
Gut, nachdem du die 3 Wochen Malediven als Geschäftsreise durchgebracht hast, weil du dir bei Male-TV eine Studioführung hast geben lassen, kannst auch mal ein Brötchen selber zahlen.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Nix Studioführung, da haben wir das Konzept einer neuen Show mit Gottschalk geplant.

Hr. Richter:
Ach ja genau. Und wie heisst die? Bachelor Programm Chef des ersten Deutschen Fernsehens bumst Moderatorinnen des Maledivischen Staatsfernsehen?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Fr. König:
So so, meine Herren. Es sind Frauen im Raum. Wir haben heute noch Wichtiges zu entscheiden.

Hr. Meyer:
Richtig Steffi, du sagst es. Um was geht es eigentlich heute?

Fr. König:
Wir wollten doch nun endlich wegen der Pilawa...

Hr. Meyer:
...Schmecken wirklich sau lecker die Brötchen. Sau lecker. Immer wieder. Hoffentlich stirbt dieser gestörte Fisch nicht ganz aus. Wäre ein Jammer. Sau lecker.

Hr. Richter:
Und hast Loch 8 jetzt endlich unter Paar geschafft?

Hr. Meyer:
Beim Shangri-La Resort?

Hr. Richter:
Genau.

Hr. Meyer:
War nur zweimal da, Kuredu liegt mir besser.

Hr. Richter:
Pffffff. Sind ja nur 6 Löcher da.

Hr. Meyer:
Ja und? Hatte eh keine Zeit. Meine Gören wollten doch unbedingt das Padi machen. Musste mir die ganze Zeit irgendwelche Fischlein ansehen. Sogar einen Hammerhai hab ich gesehen.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Dachte warst an einer Show dran.

Hr. Meyer:
Natürlich, aber bisschen Freizeit muss man sich ja auch mal gönnen, oder?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Ja, kann ich gut verstehen. Ich muss über Pfingsten endlich mal wieder richtig entspannen. ...

Hr. Meyer wird plötzlich ganz bleich.

Hr. Richter:
...Hab grad für die ganze Familie im Buri Al Arab in Dubai gebucht. Wollte schon lange mal hin. Der Moment ist perfekt. Muss für einen Dok, den wir beim Bayern einkaufen wollen runter fliegen, dann kann ich grad noch 12 Tage anhängen und es so über den Rundfunk abbuchen.

Hr. Meyer wirkt wie weggetreten.

Hr. Schulz:
Hohohoho, Buri Al Arab ist doch so was von out.

Hr. Meyer kriegt kaum noch Luft.

Fr. König:
Herr Meyer. Mein Gott, HERR MEYER!!!

Hr. Richter:
Was ist denn los Kalle?

Fr. König:
Um Himmels willen. Soll doch jemand den Notruf rufen?

Hr. Richter:
Jetzt mal locker, der atmet ja noch. Was ist los Kalle?

Meyer erholt sich nur langsam und schnappt verzweifelt nach Luft.

Hr. Meyer:
Pfffi...sn.

Hr. Richter:
Was?

Hr. Meyer:
Pfingsten!

Hr. Richter:
Ja genau, da will ich nach Dubai.

Hr. Meyer:
Pfingstmontag?

Hr. Richter:
Ja, da auch! Wenn ich schon mal da bin.

Fr. König:
Was ist denn los, Hr. Meyer?

Hr. Meyer:
Pfingsten kommt, und wir stecken doch schon mitten in der Tatort Sommerpause!!!!

Hr. Richter:
Ja, war doch deine Idee. Du wolltest es doch in diesem Jahr etwas lockerer angehen, damit das ganze ARD-Kader rechtzeitig zum Eröffnungsspiel in Sao Paulo ist.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Ja, aber da hab ich nicht mehr an Pfingsten gedacht. Das ist eine Katastrophe!!!

Fr. König:
Wieso denn?

Hr. Meyer:
Pfingstmontag! Wir können doch nicht an einem Pfingstmontag keinen Tatort senden!

Hr. Richter:
Wieso nicht?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Das ist einfach so. Das ist heilig. Ostermontag, Pfingstmontag, 26. Dezember sind heilig. Da bringen wir die ganz grossen Kisten!

Fr. König:
Ja, aber das geht jetzt nicht mehr.

Hr.Meyer:
Waaaaaaas??????? So was will ich in diesem Raum nie mehr hören! Verstanden?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Fr. König:
Ja, verstanden. Herr Meyer.

Hr. Meyer:
Und du Manfred hör endlich auf so sau blöd zu lachen. Sonst bist aber flugs wieder auf deinem alten ausgefransten Sessel, du. So wichtig war nun deine Stimme im Verwaltungsrat auch nicht. Gell.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Is ja gut Kalle, wir finden eine Lösung.

Hr. Meyer:
Steffi, haben wir noch was rum liegen? Irgendeinen Brüller. So ne Quoten-Sau.
Münster, Franziska aus Köln, irgend so was?

Fr. König:
Ähm, lass mich mal nachsehen. Hmmm.

Hr. Meyer:
Komm schon, Münster. Das sind doch die Lustigen, oder?

Fr. König:
Hmmm. Sieht schlecht aus.

Hr. Meyer:
Dann halt den neuen vom Schweiger. Hamburg muss in die Luft fliegen an Pfingsten.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Der ist erst in Planung.

Fr. König:
Ich hätte da einen. Eine Rohfassung aus Luzern. Die würde man zusammen kriegen, bis Pfingsten.

Längere Stille im Raum.

Hr. Meyer:
Lu-was?

Fr. König:
Luzern, Schweiz.

Schallendes Gelächter im Raum.

Hr. Meyer:
Schweiz? Die sind doch seit Jahren nicht mehr dabei.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Doch doch Kalle, die machen wieder mit.

Hr. Meyer:
Was? Seit wann?

Hr. Richter:
Ne ganze Weile.

Hr. Meyer:
Zahlen sie?

Fr. König:
Ja, wesentlich mehr als alle andern...

Hr. Richter:
... aber sag es ihnen nicht.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Na also, sehr gut.

Fr. König:
Also, Luzern?

Hr. Meyer:
So, fertig mit dem Spass. Soweit kommt’s noch. An einem Pfingstmontag.
Ne, ich brauche was Richtiges. So ne richtige Wumme.

Fr. König:
Nix, finde absolut nix.

Hr. Meyer:
Waaaas? Dann lasst uns einen drehen. Die Kasperl aus Münster müssen ran. Oder eine neue Serie erfinden. Moritz Bleibtreu. Der muss her. Sag ich ja schon lange. Lasst uns einfach einen mit dem drehen. Irgendwo. Was gibt’s noch nicht. Bei euch was im Pott?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
...Ah ne, da ist ja dieser Psycho-Freak. Halt irgendwas. Irgendwo. Egal. Sofort drehen.

Fr. König:
Ja, aber Pfingsten ist doch in 3 Wochen, Herr Meyer.

Hr. Meyer:
Na und. Werden doch wohl so einen Tatort hinkriegen in drei Wochen, oder nicht?
Andere bauen sich ne ganze Welt in 7 Tagen und machen erst noch einen davon Pause.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Das war kein Witz. Also. Los.

Hr. Richter:
Jetzt mal locker bleiben, Kalle. Ich habe dir vielleicht eine Lösung.
Ich sehe hier in meiner Datenbank, dass wir eine fertige Version haben, bei uns im Süden.

Hr. Meyer:
Bitte sag mir, dass es Münster ist!!!

Hr. Richter:
Ähh, Süddeutschland.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Was?

Hr. Richter:
Stuttgart.

Hr. Meyer:
Können die was?

Hr. Richter:
Ja, die Jungs sind ganz gute Schauspieler. Und in der letzten Zeit wurden auch die Geschichten besser.

Hr. Meyer:
Um was geht’s?

Hr. Richter:
Interne Ermittlung in einem Knast.

Hr. Meyer:
Hatten wir das nicht schon?

Hr. Richter:
Doch, 1000mal. Aber diese Story ist raffiniert. Es geht mal nicht nur um die Insassen, sondern auch um die Wärter. Einer der Kommissare ermittelt undercover als Schliesser und der andere draussen auf der Strasse.

Fr. König:
Sehr geil.

Hr. Richter:
Zudem gibt es eine Art Knast König, den alle nur den King nennen.

Fr. König:
Sehr geil.

Hr. Meyer:
Was? Das hatten wir doch eben in Bremen.

Hr. Richter:
Nein, das war Papa, und der war ja nicht im Knast. Jetzt ist es der King!

Fr. König:
Sehr sehr geil.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Klingt Scheisse.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Richter:
Lass dich nicht täuschen. Der ist wirklich gut. Ziemlich harte Sache und clevere Story.

Hr. Meyer:
Scheiss auf Stroy.

Fr. König:
Ääämm...
Stuttgart hatte in den letzten 2 Jahren die drittbesten Quoten überhaupt.

Hr. Meyer
Was?

Hr. Richter:
Tja, so ist es.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Boooooom. Stuttgart Pfingstmontag, das ist unser Ding. Stuttgart und Pfingstmontag gehören einfach zusammen. Wusste ich es doch. Steffi, Medienmitteilung raus: Tatort aus Stu..

Fr. König:
...Stuttgart haben wir uns extra als Leckerbissen für den Pfingstmontag aufgespart. Eine coole Kiste, für die heissen Tage. Danach ist Sommerpause und ihr müsst WM im Ersten schauen.

Hr. Meyer:
Ich liebe dich.

Fr. König:
Hihihi.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
So, damit wäre das geklärt. Was wollten wir eigentlich besprechen?

Hr. Richter:
Ähm, die Anfangszeit vom Pilawa.

Hr. Meyer:
Och so en Dreck, muss dringend los. Der Generaldirektor kommt doch heute, da muss ich einen guten Eindruck machen.

Fr. König:
Ja, selbstverständlich.

Hr. Meyer:
Lasst uns doch die Pilawa Sache das nächste Mal klären. Interessiert eh keine Sau.

Hr. Richter:
Also in Sitzung Nummer 7 meinst du?

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Steffi...

Fr. König:
Ja, klar. Ich mache einen Termin.

Hr. Meyer:
Bist die Beste.

Fr. König:
Hihihi.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Macht’s gut.

Hr. Richter:
Tschü.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Meyer verlässt den Raum, kommt aber gleich nochmals zurück.

Hr. Meyer:
Gibt’s noch eins der Brötchen?

Fr. König:
Hier.

Hr. Meyer:
Danke. Die nehme ich auch gleich noch mit. Hab sie ja bezahlt.

Hr. Schulz:
Hohoho.

Hr. Meyer:
Sau lecker sind die. Sau lecker. 


Erwartungs-Barometer: 4,5
Die Note danach: 4,5

0 = Von jedem herkömmlichen Sitzungszimmer
6 = Von Sitzungszimmer 14b


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18. Mai 2014

Tatort: Alle meine Jungs (Bremen)


Der Tatort aus Bremen war ja immer eine Art Geheimtipp des Barometers. Im Stillen, ohne gross in den Medien aufzutauchen, haben die ihr Ding sehr solide und immer wieder richtig gut durchgezogen. In der letzten Zeit reichte jedoch genau dieses bescheidene Erfolgsgeheimnis den Hansestädtern irgendwie nicht mehr aus. Gute Tatorte, ohne grosse Aufregung, scheinen heute nicht mehr gewünscht. Dabei sind es genau diese, die mittlerweile fehlen, weil ein Jeder irgendeine Granate platzieren möchte, welche sich im Endeffekt ja sowieso nur als weiterer Blindgänger entpuppt. Und so konnte auch das Team aus Bremen irgendwann dem Spektakel nicht mehr widerstehen und hat angefangen absurde Privatgeschichten und noch absurdere Kriminalgeschichten einzubauen. Das ganze gipfelt nun in dieser Folge. Die Kommissare müssen wegen einem Mordfall im Bremer Müllabfuhr-Milieu ermitteln, welches aus lauter Verbrechern besteht. Ein knallharter Tatort in einer Parallelgesellschaft, von welcher der Normalbürger gar nie was mitbekommt, könnte ja durchaus spannend sein. Ich bin immer für neue Schauplätze und groteske Einfälle. Aber ich befürchte, dass die orange leuchtenden Figuren dermassen überzeichnet sein werden, dass das eher eine Müllmann-Mafia à la Münster Tatort sein wird, als eine authentische Geschichte mit tragisch spannenden Figuren, wie in den früheren Bremer Tatorten. Aber wer soll es Bremen auch übel nehmen? Es ist doch genau das, was das Publikum heute will. Alles überzeichnet, alles overactet, alles eine Schippe brutaler oder natürlich alles klamaukig. Nur ja keinen cm Anspruch, damit wäre der Grossteil der Deutschen Fernsehzuschauer am Sonntagabend komplett überfordert. Und den will man sicher nicht verärgern. Irgendwann konnte halt auch Bremen der magischen 10 Millionen Zuschauergrenze nicht mehr widerstehen. Und die erreicht man nur noch mit Action, Comedy oder Spektakel, sicher nicht mit guten Drehbüchern. Der Beweis dafür: Der Karriere-Plan des Bremer Tatorts scheint aufzugehen. Je mehr Bremen von diesem alten, sympathischen Weg abkam, desto höher wurde die Quote! Mit über 9 Millionen sind sie mittlerweile sehr nahe dran, geknackt haben sie sie aber noch nie. Mal sehen, ob es die Müllmänner richten werden.

Erwartungs-Barometer: 4
Quote: 9,7 Millionen
Drehbuch: Wirr
Plot: WTF?
Motiv: ???
Highlight: Der Schweizer Roeland Wiesnekker
Barometer Prognose: Exakt
Die Note danach: 4

Ich gebe zu, bei Köln letzte Woche habe ich mich vertan. Er war nicht ganz so schlecht gespielt und die Geschichte war wesentlich besser als gedacht. Und so hoffe ich natürlich sehr, dass mich mein Gefühl auch diese Woche wieder täuscht. Im Endeffekt wollen wir ja möglichst gute Tatorte, und erst in zweiter Linie möglichst exakte Barometer-Prognosen. Wer weiss, vielleicht schafft ja mein gutes altes Bremen den Spagat zwischen 10 Millionen und feinem Drehbuch. Das wäre die wahre Sensation!

0 = Das moderne Modernes
6 = Das gute alte Modernes


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10. Mai 2014

Tatort: Ohnmacht (Köln)


Wie vor einer Woche erwähnt: Nach dem guten Münchener Tatort befindet sich das Barometer nun bereits in einem Sommer-Sparmodus. Für die restlichen Folgen bis zur Sommerpause lohnt es sich nicht mehr viel Aufwand zu betreiben, obwohl es Köln ja eigentlich verdient hätte. Immerhin hat sich der WDR bei den letzten zwei Folgen aus Köln ziemlich Mühe gegeben. Franziska war extraklasse, und die Feuerteufel Mama auch relativ gut.

Das Problem ist nur, dass genau diese Qualität der letzten zwei Folgen, die Chancen auf eine erneut gute Folge praktisch gegen Null sinken lässt. Wir alle wissen mittlerweile, wie unglaublich schwierig es ist, ein gutes Drehbuch zu schreiben. Zwei einigermaßen gute Scrips in Serie, so wie es Köln gelungen ist, grenzen schon an ein kleines Wunder. Jedoch nun auch noch ein drittes in Folge ist schlicht unmöglich. Und so brauche ich gar nicht erst mit irgendwelchen Spekulationen und Vermutungen zu kommen, sondern kann mich auf die Fakten verlassen. Mathematisch kann dieser Tatort nur schlecht werden.

Und das wird er auch. Jugendgewalt. U-Bahn-Prügler. Hochaktuell. Ein Junge wird tot geschlagen, Kommissar Ballauf ist per Zufall!!! auch vor Ort, versucht zu helfen, wird selber verkloppt und vor eine einfahrende U-Bahn geschmissen. Was? Und danach löst er den Fall auf halb legalem Weg!!!, weil er natürlich als Zeuge nicht ermittlungsberechtigt ist. Klar wird das Thema sehr beklemmend sein, zu oft passieren genau solche Dinge, überall, aber der Tatort wird trotzdem scheitern. Und zwar für einmal nicht nur an dem Drehbuch, sondern vor allem auch an der schauspielerischen Leistung. Es tut mir wirklich sehr leid, aber wie soll ein Klaus J. Behrendt eine solch schwierige Geschichte authentisch spielen? Und obwohl angeblich ein Prügel-Mädel ziemlich glaubwürdig daher kommen soll, bin ich absolut sicher, dass auch die Prügel-Kids schauspielerisch nur schwer zu ertragen sein werden.
Natürlich ist es unfair und völlig vermessen, den Schauspielern die Hauptschuld für einen miesen Tatort zu geben. Oft ist ein Drehbuch so schlecht, dass es auch die Darsteller nicht retten können. Oder der Regisseur ist einfach nicht im Stande, die Schauspieler richtig zu führen und das Beste aus ihnen rauszuholen. Aber hier? Wir haben ja den Vergleich zwischen Kommissar Bär und Kommissar Ballauf seit Jahren. Und Ballauf als Hauptfigur, völlig aufgebracht, weil er von einer U-Bahn überrollt wurde?  ...
„Manchmal gibt es eben Scheisstage“, sagen die Kommissare gleich selber zum Schluss.

Erwartungs-Barometer: 3,5
Die Note danach: 4,5
Besser als erwartet. Natürlich geht das Thema unter die Haut, aber die Story halt doch mit einigen Hängern und eben Ballauf...

Köln würde besser einfach einmal pro Jahr eine Franziska-Niveau-Folge raus lassen, anstatt nun gesellschaftskritisches Mittelmass ab Fliessband zu liefern.
Aber sehen wir doch diesen Tatort einfach als Musterbeispiel, als eine Art Schulfernsehen zum Thema „Die Schwierigkeiten und Tücken im Beruf des Schauspielers – Teil 1“. Ihr werdet staunen, was es da alles zu beobachten gibt.

0 = Ballaufen
6 = Bären


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3. Mai 2014

Tatort: Am Ende des Flurs (München)







Ich will keine Sekunde verschwenden. Absolut keine Zeit verlieren. Das ist es. Das ist Tatort! Genau für diese so selten gewordenen Folgen, tun wir uns all die Scheisse an. So muss ein Tatort sein, so macht uns Tatort Freude. So beweist der Tatort, warum er zum besten gehört, was das deutsche TV zu bieten hat. Völlig unerwartet, mitten in der alltäglichen Tatort-Lethargie, haut mein geliebtes Team aus München, welches fast verloren schien, einen raus. Endlich mal wieder, muss man sagen. Endlich! Und mit einer Sekunde ist alles anders. Es fühlt sich so gut an. So echt. Eine solch tiefe Freude! Mit einer Sekunde sind wir hellwach, sind wir bereit. Diese raren Momente dürfen wir auf keinen Fall verpassen. Wenn es drauf ankommt, sind wir da. Ist das Barometer da.
Fast wie wenn du mit deinen besten Freunden eine Nacht lang durchgesoffen hast und dich taumelnd und lethargisch im Halb-Koma auf den Heimweg machen willst und plötzlich fällt einer deiner Jungs bei Minus Temperaturen in den See. Du hörst dieses Klatschen. Diese eine Sekunde. Und du hast keine Ahnung, wie dein Körper das schafft, aber du bist mit einer Sekunde wieder hellwach. Du bist da. Du bist bereit. Als hättest du keinen einzigen Tropfen Alkohol im Blut. Mit einer Sekunde sind all deine Sinne schärfer als je zuvor und du funktionierst, als ob du nie etwas anderes gemacht hättest, als Freunde aus eiskalten Gewässern zu ziehen. Du bist da, du bist bereit. So nüchtern wie nie.
So fühlt sich das an. Dieses endöde Tatort Wachkoma, in dem wir uns mittlerweile befinden, aber dann kommt München. Dann hörst du dieses Klatschen in der Isar, und du weißt, jetzt ist der Moment. Jetzt lohnt es sich bereit zu sein. Mit einer Sekunde sind all deine Sinne schärfer als je zuvor und du funktionierst, als ob du nie etwas anderes gemacht hättest, als gute Tatorte zu schauen! Du bist da, du bist bereit. So nüchtern, wie nie.

Gerade die Bayern haben uns in der letzten Zeit ja gewaltig verarscht. Die letzten zwei Folgen (Dominik Graf-Debakel und peinlichster Internet-Youtube-Enthüllungs-Star-Schrott) waren eine absolute Katastrophe und ich machte mir ernsthafte Sorgen um die ansonsten seit Jahrzehnten soliden Tatorte aus München. Himmeltraurig, was da produziert wurde. Aber die Leute im Filmland Bavaria sind schlicht zu gut, um nicht selber zu merken, dass das in eine desaströs falsche Richtung läuft und als gäbe es nichts Einfacheres, legen sie nun eine Folge vor, die in der Jahresrangliste 2014 vermutlich sehr weit oben zu finden sein wird. Einfach so. „Wir hoben a bissl gschlammpt, ober, jetz nach der Brotzeit, hoben wir wieder a Datort gmacht, ge“. In München geht das. So viel Talent schwirrt da rum. Einfach mal wieder kurz aufs Wesentliche konzentrieren und schon kommt dabei ne Bombe raus. Wenn auch eine aus sehr tiefer Seele.

„Bei jedem Menschen gibt es einen Punkt, an dem er einsam ist. Lisa Brenner kannte ihn. Als man an einem grauen Morgen ihre Leiche vor einem Hochhaus findet, heruntergestürzt aus dem 12. Stock, hinterlässt sie eine Reihe von Männern, die sie verehrt und geliebt haben. Lisa war ihnen allen so nah und zugetan, dass am Ende keiner wusste, ob wirklich er gemeint war.“ © BR

Gut, das Barometer findet natürlich auch bei diesem Tatort Spuren, die auf eine Notenreduktion hindeuten könnten. Dass ausgerechnet einer der Kommissare einer der Liebhaber war, ist wieder einer dieser Zufälle, die ich eigentlich nicht mehr akzeptieren wollte. Und die schleppend mühsame Suche nach dem neuen Assistenten geht nun mit einem 21jährigen Milchbubi in die nächste Runde. Wir alle wissen ja mittlerweile, wie Teams an der versuchten Jugendlichkeit scheitern können. Aber wer weiss, vielleicht kann München diese beiden Hänger geschickt kaschieren? Zumal das vermeintliche Milchbubi extrem talentiert sein soll. Ob die Geschichte bis ganz zum Schluss durchhalten kann, wird sich weisen. Aber Drehbuch, Machart und Schauspieler werden jedenfalls auf sehr hohem Level agieren.

Erwartungs-Barometer: 5,5
Die Note danach: Gute 5

Vergelt´s Gott. München ist zurück. Und wie! „Mit einem Feuerwerk vom aller feinsten“ wie ich so gerne zu pflegen sage. Ein bombastisches, aber ein leises. Ein grandioses, aber ein bescheidenes. Genau so, wie ich es liebe. Diese Folge ist ein absolutes Muss, danach kann ich mich, bzw. können wir uns alle eigentlich in die frühzeitige Sommerpause verabschieden. Mehr als 2-3 Knallfrösche und Frauenfürze wird es vor dem Sommer nicht mehr zu sehen geben.

0 = Wie von einem Fake-Feuerwehrmann an einer 80’s Party.
6 = Wie von der Blaulichtparty der Jungpolizei München.


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